Norman im Glück (II)

Normans Café ist nirgendwo, eine Utopie sozusagen. Es ist nur ein Schauplatz in seinem inneren Film, aber das Atmosphärische muss zu ihm passen. Er rückt einen dritten Stuhl dicht an den Tisch heran und platziert dort – wie unabsichtlich – seine hirschbraune Ledertasche. Man sieht sie nur halb, aber das weiche Leder und der kräftige Schulterriemen fallen ins Auge. Die stoffliche Würde der Dinge, darüber denkt er viel nach, dazu möchte er schreiben. Seine Taschen sind ihm so lieb und teuer, wie es bei anderen Männern das Fahrrad oder das Auto ist. Er umhegt seine Taschen als wären sie Lebewesen. Er achtet ihre Formen, schützt sie gegen ungünstige Witterung und sucht die Utensilien, die darin getragen werden, sorgfältig aus. Niemals würde er hastig eine Tasche überladen. Immer wieder beobachtet er in der S-Bahn, wie die oft vollgestopften Handtaschen der Frauen speckig und deformiert sind. Wie ungeliebte Kinder hocken sie da auf den Knien der Besitzerinnen.

Das vorsichtig angebissene Croissant liegt auf dem schlichten Porzellanteller, etwas dahinter die halbleere Flasche Badoit und das Trinkglas, an dem er eben noch seine Lippen hatte. Den Zuckerstreuer stellt er in den altmodischen Aschenbecher aus Glas – eine Aktion, die mancher Bistrobesucher wiedererkennen wird und die verrät, dass er Nichtraucher ist. Ein wichtiges Signal, denn man darf gern wissen, dass er keine schmutzigen Angewohnheiten hat.

Im Vordergrund aber liegt – inmitten der etwas kühlen Kulisse – Normans Herzensding: ein Notizbuch in der Mode der Wiener Werkstätten. Es ist in hellblau aquarelliertes Kunstpapier eingefasst und trägt die Aufschrift „PRÈT-À-ÉCRIRE“.

Norman tritt zwei Schritte zurück, betrachtet sein Arrangement auf der Bildfläche seines Smartphones, sucht noch einen besseren Blickwinkel und löst aus. Er prüft das Foto, freut er sich kurz über den zusätzlichen Effekt, den das Weiß der Stoffserviette mit der rostroten Tischplatte ergibt, und sendet das Bild in seine virtuelle Welt. Dann darf er ganz für sich sein.

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